Ich werde dir jetzt etwas erzählen das ich lange nicht erzählt habe.
Nicht weil es zu schmerzhaft war. Sondern weil es sich nicht richtig angefühlt hat – als Klage, als Dramatik, als Versuch Mitleid zu wecken. Nichts davon war es. Es war einfach mein Leben.
Aber vielleicht ist es genau das was du gerade brauchst. Zu wissen dass du nicht allein bist. Dass andere Frauen Dinge durchgestanden haben die sich unbeschreiblich anfühlen – und trotzdem weitergemacht haben. Nicht heldenhaft. Einfach weitergemacht.
Seit 15 Jahren hatte ich nur einen Eileiter. Der andere war weg – operativ entfernt nach einer Eileiterschwangerschaft. Danach noch eine zweite Eileiterschwangerschaft. Sieben Fehlgeburten. Jede einzelne davon ein eigenes kleines Sterben.
2008 – eine Schwangerschaft die bis zur 21. Woche ging. Cerklage. Das Kind verloren. Ich werde nicht mehr darüber schreiben als das. Aber ich schreibe es weil es dazu gehört.
"Ich habe gelernt mit Verlust zu leben. Ich dachte ich weiß was schwer ist. Ich dachte ich bin stark genug für alles."
Und dann – mit 43 – wurde ich noch einmal schwanger. Mit einem Eileiter. Nach allem was davor war.
Mein zweiter Sohn kam zur Welt. Gesund. Das ist das größte Wunder meines Lebens. Kein Zweifel.
Was ich damals nicht wusste – und was mir niemand gesagt hatte – ist dass ich mit 43, mitten in der Perimenopause, schwanger werden konnte. Dass die Fruchtbarkeit in dieser Phase unberechenbar ist. Mal da, mal nicht. Kein Rhythmus. Keine Verlässlichkeit.
Und ich wusste nicht was danach kommen würde.
In der Schwangerschaft steigt Östrogen massiv an – der Körper gibt alles. Und danach fällt es steil ab. Mein Körper, der gerade das Unmögliche möglich gemacht hatte, befand sich gleichzeitig mitten in einem hormonellen Wandel den ich nicht kannte und nicht erkannte.
Ich hatte sieben Fehlgeburten überlebt. Zwei Eileiterschwangerschaften. Den Verlust eines Kindes mit 21 Wochen. All das hatte mich nicht so erwischt wie das was danach kam. Das Schleichende. Das Unsichtbare. Die Wechseljahre.
Der Schlaf wurde schlechter. Nicht dramatisch – einfach nicht mehr so tief. Ich wachte auf um 3 Uhr morgens, kein Grund, einfach wach. Lag da. Dachte nach. Schlief irgendwann wieder ein.
Ich war gereizter als sonst. Nicht wütend – nur dünnhäutiger. Dinge die mich früher nicht berührt hätten, trafen mich plötzlich. Mein Sohn hat einmal morgens beim Frühstück irgendetwas Lustiges gesagt – und ich habe geweint. Einfach so. Kein Grund. Nur Tränen.
Er hat mich angeschaut und gefragt: Mama, bist du traurig?
Ich habe gesagt: Nein, Schatz. Ich bin nur gerade ein bisschen... hormonal.
Er hat genickt als würde das alles erklären. Kinder verstehen manchmal mehr als wir denken.
Und dann kamen die Depressionen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Leise. Wie ein Nebel der sich langsam über alles legt. Ich habe funktioniert – sehr gut sogar. Aber ich war nicht da. Nicht wirklich.
"Ich dachte es ist der Stress. Die Erschöpfung nach der Geburt. Das Leben mit einem kleinen Kind. Ich dachte: Das wird schon wieder. Es wurde nicht wieder. Es veränderte sich."
Nicht die Intensität. Sondern die Schleichheit.
Kein klarer Anfang. Kein Moment wo ich sagen könnte: da hat es begonnen. Einfach irgendwann – alles ein bisschen anders. Und niemand der mir sagt: das ist die Perimenopause. Das ist normal. Das hat einen Namen.
Ich hatte alles Schwere überstanden – und wurde von etwas erwischt das sich nicht mal laut angekündigt hatte.
Das ist das Tückische an den Wechseljahren. Sie kommen nicht mit Pauken und Trompeten. Sie kommen wie ein Gast der einfach bleibt. Und irgendwann merkst du – er war schon lange da.
Irgendwann habe ich aufgehört zu kämpfen. Nicht aus Resignation – aus Erschöpfung über das Kämpfen.
Ich habe angefangen zu fragen: Was brauche ich jetzt? Nicht: Wann wird das wieder normal? Sondern: Was ist jetzt mein Normal?
Das war keine große Erkenntnis. Kein dramatischer Durchbruch. Nur ein leises Verschieben der Frage.
Und in diesem Verschieben – da hat sich etwas verändert.
Nicht um zu klagen. Nicht um Mitleid zu wecken.
Sondern weil ich weiß dass viele Frauen gerade da sitzen wo ich damals saß. Mit diesem leisen Gefühl dass irgendetwas nicht stimmt. Mit der Frage ob das normal ist. Mit der Scham darüber zu sprechen.
Und weil das Schweigen darüber – das Tabu, die fehlenden Gespräche – Frauen unvorbereitet lässt. So wie ich unvorbereitet war.
Du musst nicht alles durchgestanden haben was ich durchgestanden habe um dich zu erkennen. Es reicht wenn du nickst. Wenn du denkst: das kenne ich. Das ist auch meins.
Das hier – dieser Ort, diese Seite, diese Artikel – das ist mein Versuch neben dir zu sitzen. Nicht vor dir. Nicht über dir. Einfach neben dir.
Weil jemand das für mich gebraucht hätte. Und weil es vielleicht das ist was du gerade brauchst.